Ich hatte mir die chinesischsprachige Seite des Dienstes noch nie richtig angeschaut und der Ärger, den der Sender in China hat, lässt ja irgendwie vermuten, dass er vielleicht auch nicht pekinggemäß über Taiwan-Sachverhalte berichtet.
Nach dem Überfliegen einiger taiwanbezogener Artikel ist mein erster Eindruck aber etwas zwiegespalten. Auffällig ist zunächst die Einordnung unter den Reiter "China" oder "Kurzmitteilungen aus China" (中国短讯) und damit einhergehender Implikationen, wie in diesem Bericht über die Demonstration von vergangenem Samstag gegen die Politik des Präsidenten Ma Ying-jeou. Gleichzeitig spricht die Kennzeichnung der Demonstranten in diesem Bericht als Vertreter der "Unabhängigkeitsfraktion Taiwans" (台湾独派) und nicht etwa als Separatisten für ein Maß an Neutralität, das nicht mal alle deutschen, geschweige denn englischsprachigen Medien erzielen.
Die Unsitte der pekingtreuen Medien, alle Bezeichnungen öffentlicher Ämter in Taiwan wie Präsident, Vizepräsident usw. in Anführungszeichen zu setzen, umgeht die chinesischsprachige Ausgabe der Deutschen Welle teilweise, indem sie diese ganz weglässt, vgl. den einleitenden Absatz (Hervorhebungen und eckige Klammern von mir):
德国之声综合报导:周日,为了"纪念"马英九[statt 马英九总统]上台100天,台湾独派在台北举行了大规模示威,抗议马英九[statt 马英九总统]的亲中国政策。组织者号称上街的有10万之众,但 警方说大约为4万人。包括身陷弊案的陈水扁[statt z.B. 陈前总统]一家人和昔日民进党"天王"吕秀莲、谢长廷和苏贞昌没有现身,只有游锡堃和党主席蔡英文出席。An anderen Stellen übernimmt sie sie:
蔡英文带领县市长、"立委"等党公职人员向支持者鞠躬感谢大家的支持Ein ähnliches Bild findet sich auch in dem Bericht über den angeblichen "Geldwäsche"-Fall, in den der ehemalige Präsident Chen Shui-bian und einige seiner Familienangehörigen involviert sein sollen. In einer Nebenbemerkung über den Zeitraum, in dem die entsprechenden Gelder angefallen sein sollen, steht:
而是2000-2004年期间参选台北市长和"总统"等4次竞选的节余经费,合计2100万美金。(Nebenbemerkung: am Ende des Berichtes wird eine Umfrage zitiert, laut der die Unterstützung/Zustimmung für die Demokratische Fortschrittspartei [DPP] auf momentan 11% gefallen sein soll. Bedauerlicherweise fehlt aber eine Quellenangabe. Das ist insofern prekär, als dass je nachdem, von dem solche Befragungen durchgeführt werden [meistens Parteien oder ihnen nahestehende Interessensverbände] es oft zu haarsträubenden Diskrepanzen kommt. Abgesehen davon ist eine Umfrage, bei der gerade einmal 980 Leute befragt wurden, nach ordentlichen Maßstäben nicht repräsentativ.)
Allerdings ist der Dienst mit diesen Wortspielereien nicht wirklich konsequent (was in diesem Falle positiv ist) und in einem etwas früheren Artikel zum gleichen Thema steht z.B. ordnungsgemäß:
据法新社报道,涉嫌在海外洗钱高达3100万美金的台湾前总统陈水扁夫妇[der ehemalige taiwanische Präsident Chen Shui-bian und seine Frau],因担心这一丑闻将使民进党蒙羞,本月15号宣布退出该党
oder:为了更进一步侦察其在瑞士银行的实际资产,台湾行政院长刘兆玄[der Vorsitzende des Exekutiv-Yuans Liu Chao-shiuan]表示: [...]
Wie gesagt habe ich nur ein paar Artikel überflogen. Daher bin ich mir nicht sicher, inwieweit die hier beanstandeten Dinge Regel oder eher Ausnahme sind (vielleicht auch Beispiele für [un]bewusste Selbstzensur?). Wäre schön von anderen zu hören, die sich öfter die Texte der DW durchlesen und von ihren Eindrücken berichten könnten. Im Grunde erscheint mir die Berichterstattung insgesamt sehr ordentlich. Vielleicht reicht das den Internetzensoren in Peking aber auch schon, um "vorsichtshalber" einzugreifen.
Ergänzung 06.09.2008: Vor ein paar Tagen gefunden: Die "Chinafreundlichkeit" der stellvertretenden Redaktionsleiterin der DW, Zhang Danhong, war schon anderswo Gesprächsthema. (Mal ungeachtet der Aussagen, um die es da im einzelnen ging, aber scheint es so, als stünde "chinafreundlich" bald auf einer Stufe mit "antisemitisch", "islamistisch" usw.?)
Ergänzung 19.09.2008: Und die Kritik wird noch lauter. Die der Pekinger Regierung äußerst kritisch gegenüberstehende Epoch Times berichtete über den Beschwerdebrief einiger chinesischer Dissidenten an den Bundestag.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen